Die Iglauer SprachinselGeschichte bewahren · Zusammenhänge verstehen
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Essen und Küche im Tages- und Jahreslauf

Vom Frühstück bis zum Abendessen, von der Ernte bis zum Festgebäck: Gerichte und Erinnerungen führen durch den Tag und das Jahr.

Im Tagesverlauf: Frühstück, Mittag und Abend

Mahlzeiten gehören zur Geschichte des Alltags ebenso wie zur Geschichte der Feste. Für Simmersdorf nennt der Osterbeitrag ein besonderes Frühstück: Am Gründonnerstag wurden geflochtene Judasln mit Butter und Honig gegessen. Der Weihnachtsbeitrag beschreibt das Festessen am Heiligen Abend früher mittags und später, mit der Einführung des Lichterbaums, am Abend. Dann saßen die bäuerliche Familie und das Gesinde gemeinsam am Tisch.

Osterbräuche und Simmersdorfer Judasln → · Das Weihnachtsessen →

Im Jahreslauf: Feld, Garten und Festküche

Frühjahr und Ostern führen zu Festgebäck und Eiern. Die Gerichte mit Kartoffeln, Kraut, Mohn und Zwetschken verbinden die Küche mit den Erzeugnissen von Feld und Garten. Frische Früchte und haltbar gemachte Zutaten, etwa Powidl, gehören dabei zusammen. In der Advents- und Weihnachtszeit berichten die Überlieferungen vom Backen und vom Zuckergebäck, von Zimt, Kuchen und dem Essen am Heiligen Abend.

Die folgenden Gerichte, Rezepte und örtlichen Erinnerungen lassen sich so nach Jahreszeit, Mahlzeit und Anlass lesen.

Was wurde gegessen?

Bauernkejchla
Traditionelles Schmalzgebäck der Iglauer Bauernküche.
Erdäplgulasch
Herzhaftes Kartoffelgulasch nach Iglauer Art.
Faschierte Laberln
Gebratene Hackfleischlaiberl.
Fleckn / Schinkenfleckln
Quadratische Fleckeln mit Schinken oder anderen Zutaten.
Iglauer Knödel
Klassische böhmisch-mährische Mehl- oder Semmelknödel.
Kolatschen
Ein beliebtes süßes Hefeteiggebäck mit verschiedenen Füllungen (Mohn, Quark, Marmelade).
Krautwirkala
Mit Kraut gefüllte Teig- oder Kohlwickel.
Liwanzen
Kloane, aus Hefe- oder Quarkteig gebackene Pfannkuchn.
Maitaschln
Variante der Maultaschn.
Paprikahendl
Hähnchen in einer würzigen Paprikasoße mit Sauerrahm.
Powidltaschln
Mit Powidlmus gefüllte Teigtaschen.
Strudel
Süße oder herzhafte gefüllte Strudelvarianten.
Zwetschkenknödla
Aus Kartoffelteig gefertigte Knödel mit Zwetschgen.

Geschossene Reibhejdla

Überliefertes Rezept.

In der dortigen, stark bayerisch-österreichisch und böhmisch geprägten Mundart heißen Kartoffelpuffer „Reibhejdla“ (von Reib-Heidlich / Reib-Heidlan).

„Geschossene Reibhejdla“ sind eine traditionelle Spezialität der Region. Die Kartoffelpuffer werden auf einem gefetteten Blech oder in einer großen Gusseisenform im Ofen gebacken. Das Einschieben in den heißen Ofen nennt man „Schießen“. Sie wurden früher oft zubereitet, wenn die ganze Familie versorgt werden musste, da man so viele Puffer auf einmal backen konnte.

Zutaten

  • 1 kg rohe Kartoffeln (mehlig oder vorwiegend festkochend)
  • 2–3 gekochte Kartoffeln vom Vortag (fein gerieben – das sorgt für die typische, saftig-weiche Konsistenz im Kern)
  • 1 große Zwiebel
  • 2 Eier
  • 2–3 gehäufte EL Mehl
  • Salz, Pfeffer, Kümmel (gemahlen oder ganz – sehr typisch für die böhmisch-iglauer Küche)
  • Etwas Schmalz oder Öl zum Bestreichen des Blechs

Zubereitung

  1. Der Ofen: Den Backofen (oder den traditionellen Holzofen) sehr heiß vorheizen (mindestens 210 °C bis 220 °C). Ein Backblech dick mit Schmalz oder Öl einfetten.
  2. Die Masse: Die rohen Kartoffeln und die Zwiebel fein reiben. In einem Tuch die Flüssigkeit gut ausdrücken. Die kalten, gekochten Kartoffeln ebenfalls fein reiben und dazugeben.
  3. Mischen: Eier, Mehl, Salz, Pfeffer und eine kräftige Prise Kümmel unterrühren, bis ein sämiger Teig entsteht.
  4. Das „Schießen“: Große Fladen (oft handtellergroß oder sogar als ein einziges, großes Blech, das später geschnitten wird) auf das heiße Blech streichen.
  5. Backen: Im Ofen für ca. 25–30 Minuten backen, bis sie am Rand richtig schön dunkelbraun und knusprig werden. Zur Hälfte der Zeit wenden und die Oberseite evtl. nochmals mit etwas flüssigem Fett bepinseln.

Dazu wurde gegessen und getrunken

Traditionell wurden die Reibhejdla in der Iglauer Sprachinsel entweder süß mit Apfelmus bzw. Zwetschkenröster gegessen, oder deftig zu einer heißen Tasse Milch oder Sauerkraut serviert.

Ein Geschmack kann Heimat bewahren

Was gekocht wurde, gehört zur Geschichte eines Hauses ebenso wie seine Bewohner und seine Bilder. In diesem Raum sollen Alltagsgerichte, Festessen und die Arbeit in Küche und Vorratskammer zusammenkommen. Für die Nachfahren von Vertriebenen kann ein überliefertes Gebäck eine Verbindung zu einem Dorf schaffen, das sie selbst nie bewohnt haben.

Simmersdorf: Judasln am Gründonnerstag

Der überlieferte Osterbeitrag dieser Sammlung nennt für Simmersdorf ein besonderes Frühstücksgebäck am Gründonnerstag: geflochtene „Judasln“, die mit Butter und Honig gegessen wurden. Damit liegt bereits eine konkrete örtliche Erinnerung vor. Ein Rezept mit Mengenangaben und eine datierte Aufzeichnung sind im Beitrag nicht enthalten.

Vom Feld über die Mühle auf den Tisch

In Ebersdorf wurde ein Gebäude nach seiner Nutzung als Weberei und Glasschleiferei zeitweise als Hirsemühle und später wieder als Mahlmühle genutzt. Das ist ein örtlicher Hinweis auf Verarbeitung und Versorgung. Welche Hirsegerichte einzelne Familien kochten, lässt sich daraus allein noch nicht ablesen.

Kartoffelgerichte aus der weiteren Region

Das Freilichtmuseum Vysočina dokumentiert Kartoffelgerichte nach Rezepten, die es von dörflichen Hausfrauen gesammelt hat. Dazu gehören bramboráky (Kartoffelpuffer), šišky s mákem (Kartoffelteigröllchen mit Mohn) und špalíčky s cibulkou (Teigstücke mit Zwiebeln). Diese Beispiele eröffnen einen Blick auf die Küche der Böhmisch-Mährischen Höhe. Sie sind hier als regionaler Vergleich eingeordnet; ihre Zubereitung in einem bestimmten Dorf der Iglauer Sprachinsel ist damit noch nicht nachgewiesen.

Mahlzeiten, Festtage und Vorrat im Jahreslauf

Der tägliche Tisch

Hier sammeln wir, was morgens, mittags und abends gegessen wurde: mit Dorf, Zeitraum und Herkunft der Erinnerung. Auch Unterschiede zwischen Höfen, Handwerkerhaushalten und ärmeren Familien gehören dazu.

Besondere Tage

Ostern, Weihnachten, Hochzeit, Kirchweih und Schlachttag erhalten ihren Platz, sobald konkrete Speisen und örtliche Überlieferungen belegt sind. Die Simmersdorfer Judasln bilden den Anfang.

Für den Winter sorgen

Brotbacken, Einlegen, Trocknen, Räuchern und Einkochen sind Fragen für die weitere Sammlung. Gezeigt werden sollen die Geräte, die Arbeit und das Wissen der Menschen hinter einem Gericht.

Rezepte mit einer Geschichte

Zu einem späteren Familienrezept gehören der überlieferte Name, möglichst auch die Mundartbezeichnung, die Person, von der es stammt, der Ort und der Anlass. Erinnerte Zutaten und Mengen werden als Erinnerung kenntlich gemacht. So können verschiedene Fassungen nebeneinanderstehen und die Menschen hinter dem Essen sichtbar werden.

Leben und Arbeiten → · Wörter und Mundart → · Weihnachten und Winterarbeit →

Essen im Alltag – Frühsuppe und Neunerbrot

Die täglichen Mahlzeiten waren eng mit Arbeit und Jahreszeiten verbunden. Bernd Kesselgruber beschreibt die Ernährung im deutschen Sprachgebiet der böhmischen Länder bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als überwiegend bäuerlich geprägt. Im Sommer gliederten häufig fünf Mahlzeiten den Tag. Im Winter entfiel meist die zusätzliche Vormittagsmahlzeit.

Frühstück in der Iglauer Sprachinsel

Für die Iglauer Sprachinsel nennt der Aufsatz die Bezeichnung Fruhstuck, ohne Umlaut. Vielerorts gehörten einfache Suppen zum morgendlichen Essen. Verbreitet waren Milchsuppe mit Brotstückchen und Brotsuppe, beispielsweise mit Knoblauch und Kümmel gewürzt.

Einen örtlich genauer eingegrenzten Hinweis gibt der Beitrag zur Krautsuppe: In einigen Orten im Westen der Iglauer Sprachinsel wurde sie schon zum Frühstück gegessen. Sie bestand aus Weißkraut oder Sauerkraut, Milch und Mehl. Dazu reichte man gewöhnlich gekochte Kartoffeln. Welche Dörfer gemeint sind, nennt der Aufsatz nicht.

Das Neunerbrot und die Arbeit auf dem Feld

Für die Zwischenmahlzeit am Vormittag ist in der Iglauer Sprachinsel der Ausdruck Neunerbrot belegt. Solche Mahlzeiten halfen, lange Arbeitstage zu überbrücken. Im überregional beschriebenen bäuerlichen Alltag nahm man Brot mit aufs Feld, ergänzt durch Quark, Butter oder Fett. Während Heumahd, Ernte und Drusch fiel die Verpflegung reichlicher aus.

Vom Suppenfrühstück zum Kaffee

Mit der Zeit trat neben das Suppenfrühstück zunehmend das Kaffeefrühstück. Häufig war dies Ersatzkaffee aus geröstetem Getreide und Zichorie, also gerösteter Wegwartenwurzel, mit Milch vermischt. Mancherorts wurde er über Brotstücke gegossen und gelöffelt. Bohnenkaffee blieb in vielen bäuerlichen Haushalten zunächst besonderen Tagen vorbehalten. Am Nachmittag waren im untersuchten Sprachraum Brot mit Marmelade, Sirup oder Pflaumenmus und Ersatzkaffee verbreitet.

Die Angaben zeigen regionale Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Sie beschreiben keinen einheitlichen Speiseplan aller Familien der Iglauer Sprachinsel. Die unmittelbar auf die Sprachinsel bezogenen Belege sind Fruhstuck, Neunerbrot und die Krautsuppe in einigen westlichen Orten.

Bernd Kesselgruber: Quellen

Quellen zu diesem Beitrag →